Schlagwörter

, , , , , , , ,

Hilfe für die Narzissen
Ein Blumenmärchen

Lange hatte der Winter das Land mit eisklarer Luft beherrscht. Der März, der faule Kerl, war fast vorüber, als der Winter dem Frühling endlich Platz machte.
„Es ist Zeit“, quengelten die Blumenzwiebeln, die tief im Boden warteten und ihre Triebe, die sich bereits aus den Zwiebelkernen schälten, zurückhielten. „Wir müssen unseren Job tun und wachsen, damit wir der Sonne zulächeln und den wintertraurigen Menschen Frühlingsfreude bereiten können. Allerhöchste Zeit ist es sogar.“
„Wir sind längst unterwegs“, riefen die Schneeglöckchen und Krokusse und Märzenbecher den Narzissen, Hyazinthen und Tulpen zu. „Wir schmücken das Land mit bunten Blütenfarbtupfern.“
„Jetzt sind wir an der Reihe“, drängten die Narzissen.
Im Boden, so zehn bis zwanzig Zentimeter unter der Erde, ging es nun sehr geschäftig zu. Alle hatten es eilig. Es dauerte nur wenige Frühlingstage, und die Narzissenzwiebeln hatten lange Triebe zur Erdoberfläche geschickt. Mit aller Kraft streckten die sich der Sonne entgegen. Schon brachen die ersten durch die Erde, wo sie sich im Licht des milden Frühlingstages vor Freude grün verfärbten und eilig Stängel und Blätter bildeten, hinter denen sich die Blütenköpfe zusammenrollten. Nur noch wenige Tage in lauer Frühlingsluft, dann würden sie ihre Blüten entfalten und das Land gelb und weiß bemalen. Die Menschennasen würden sie mit süßen Düften betören und mit ihren Glöckchen leise „Hört ihr, der Frühling ist da!“ rufen. Die Narzissen freuten sich. Das Leben war schön!
Doch nicht alle konnten sich freuen.
„Hilfe!“ „Helft uns!“ „Die Erde ist so hart!“ „Wir finden den Weg ans Tageslicht nicht!“ „Herbstlaub liegt über uns!“ „Dicke Äste und Zweige decken den Boden zu!“ „Aua! Au! Über uns liegen stinkende Säcke. Es ist so dunkel hier!“ „Wir wollen auch blühen. So helft uns doch!“
Von überall her ertönten klagende Rufe. Leise und wimmernd hallten sie durch die Frühlingswelt.
„Was ist passiert?“ Ratlos blickte der Blumenkönig über das Land. „Warum höre ich so viele Klagen von meinen Narzissenkindern?“
„Manche können nicht wachsen“, erklärte Frau Blumenfee. „Die Gärten, Wiesen und Parks sind noch nicht aufgeräumt. Der lange Winter ist schuld.“
„Dann sorgt dafür, dass die Menschen ihre Häuser verlassen und sich um die Gärten kümmern!“, befahl der Blumenkönig. „Es ist Narzissenzeit!“
Frau Blumenfee nickte. „Wir werden dafür sorgen“, sagte sie.
Noch am gleichen Abend traf sie sich mit ihren Freunden, den Elfen, Feen, Wichteln und Zauberern, und alle versprachen, den Narzissen zu helfen und den Menschen Bescheid zu sagen. Ja, und was in der darauf folgenden Nacht in den Träumen der Menschen los war, könnt ihr euch nun sicher denken.

© Elke Bräunling