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Komm mit zum Heimwehzauberstein
Mutfantasie/Fantasiereise bei Heimweh und Angst

Es sind Ferien. Zum ersten Mal bist du ohne deine Eltern verreist. Vier Wochen verbringst du bei deiner Großtante in einem kleinen Dorf weit weg von der Stadt. Schön ist es hier, still und ganz anders. So anders, dass es dir fast ein bisschen Angst macht. Und dann kommt das Heimweh. Langsam schleicht es sich in deinen Kopf und lockt Tränen in deine Augen. Dann zieht es weiter und legt sich wie ein schwerer Kloß in deinen Bauch.
Sie fühlen sich nicht gut an, der Angstkloß und die Heimwehtränen.
Du erinnerst dich an Papas Abschiedsworte.
„Wenn das Heimweh kommt, gehe auf den Hügel zum weißen Stein. Er ist ein Zauberstein, der   Heimwehtränen und Angstwichte in Glückstränen und Mutgeisterchen verwandelt.“ Das hat er zu dir gesagt.
Ein Stein, der zaubern kann?
Du kannst es nicht glauben, doch als das Heimweh dich heute wieder ängstigt, beschließt du, diesen Zauberstein zu besuchen.
Von weitem siehst du, wie er dir hell entgegen schimmert.
Du steigst den Pfad, der auf den Hügel führt, hinauf. Steil und schmal schlängelt er sich durch Felder und Weinberge bergan.
Unterwegs winkst den Männern und Frauen zu, die in den Feldern und Weinbergen arbeiten.
Fröhlich winken sie dir zurück.
Bald hast du die Hügelkuppe erreicht. Vom Rande her leuchtet dir die helle Farbe des Zaubersteins entgegen. Es ist, als würde er „Komm! Setz dich zu mir!“ rufen.
Du gehst über den kleinen Grasplatz und setzt dich neben den Stein.
Du wartest. Kommt er schon, der Zauber?
Nichts geschieht.
Ruhig ist es ringsum. Ganz ruhig.
Du schaust dich um.
Weit kannst du von hier ins Tal sehen, auf die Nachbarhänge und in die Ebene hinaus.
Spannend ist das! Du schaust und schaust. Immer wieder entdeckst du etwas Neues ringsum.
Ein Bussard kreist mit breiten Schwingen über dir am Himmel.
Du beobachtest den ruhigen Flug des Vogels.
Bestimmt ist er auf Futtersuche, denkst du.
Eng und enger werden die Kreise des Vogels in der Luft, bis er an einer Stelle fast stehen bleibt. Dann scheint er es sich anders zu überlegen. Er startet mit einem Ruck und schraubt sich hoch in den Himmel hinauf.
Du schaust Bussard hinterher.
Am liebsten würdest du auf seinem Rücken sitzen und mit ihm durch die Lüfte gleiten.
Toll wäre das. Und spannend.
Du schließt für einen Moment die Augen und stellst dir vor, als Bussard über das Land zu fliegen:
Weit geht die Reise. Du fliegst über Felder und Wiesen. Dann siehst du einen breiten Fluss und eine Straße. Die Straße wird zur Autobahn. Immer mehr Straßen treffen aufeinander, und da sind auch schon die ersten Häuser und Fabriken einer Stadt. Jetzt schwebst du über der Stadt. Es ist deine Heimatstadt. Unter dir liegt der Dom. Dann kommt der Bahnhof, jetzt noch zwei Straßen weiter, und, halt, siehst du da nicht Papas Auto vor eurem Haus stehen? Ja, du siehst es genau.
Du öffnest die Augen und findest dich neben dem weißen Zauberstein wieder.
Du wunderst dich. Warst du nicht eben daheim vor eurem Haus gewesen?
Und das Heimweh? Du spürst es nicht mehr.
Es ist verschwunden und mit ihm die Angst.
„Du bist ja wirklich ein Zauberstein“, freust du dich und streichst mit der Hand über den Stein. „Ein Heimwehzauberstein. Toll.“
Dann stehst du auf, winkst dem Stein zum Abschied zu, und gehst zufrieden ins Dorf zurück.

© Elke Bräunling

Felsen oder Zauberstein?, Foto © Andrea Oberdorfer