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Reise zum Berg der vertriebenen Ängste
Fantasiereise für Kinder

Es ist Nachmittag und du langweilst dich. Zu gerne würdest du zum Spielplatz gehen, wo sich die Kinder aus der Siedlung treffen.
Aber du gehst nicht. Zu groß ist deine Angst. Oft nämlich haben dich die anderen Kinder gehänselt und ausgelacht. Weil du noch neu hier bist. Oder weil du ein bisschen kleiner bist. Weil du den Ball nicht so toll fangen kannst oder weil du die alten Jeans deiner Schwester trägst. Weil du kein tolles Handy hast. Weil …
Einen Grund zum Fürchten fällt dir immer ein und wenn die Furcht erst einmal da ist, wagst du es nicht mehr, zum Spielplatz zu gehen. Wenn du nur daran denkst, spürst du, wie tausend und mehr Angstameisen in deinem Bauch grummeln und pieken und tanzen und das fühlt sich gar nicht schön an.
So auch heute. Es ist ein sonniger Tag und deine Lust, mit den anderen Kindern zu spielen, ist riesengroß. Riesengroß ist auch die Angst, zum Spielplatz zu gehen. Und noch riesig größer sind die Angstameisen, die durch deinen Bauch wuseln.
Du stehst am Fenster und spitzt die Ohren. Aus der Ferne hörst du das Lachen der Kinder. Und ganz weit weg siehst du einen Ballon am Himmel fahren. Bunt glitzert er im Licht der Sonne.
„Oh!“, denkst du. „Fliegen wäre schön.“
Wohin er wohl fahren mag, der Ballon? In die Stadt? Über die Berge? Oder einfach aufs Geradewohl nach Irgendwo?
Da! Der Ballon kommt nah und näher In der Luft sirrt und summt es und dann hält er genau vor dir an.
„Steig ein!“, ruft eine helle Stimme dir zu. „Flieg mit nach Irgendwo!“
Nach Irgendwo? Toll. Du vergisst die Angstameisen im Bauch und steigst in die Gondel des Ballons.
Schon schwebt ihr himmelwärts hoch und höher. Wie aufregend das ist! Staunend siehst du dich um. Klein und kleiner wird die Welt unter dir. Wie ein Spielzeugland sieht sie aus.
Langsam fahrt ihr über das Land auf die Berge zu. Ihr überquert eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben Dörfer. Und weiter geht die Fahrt über eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben sanft gerundete Bergkuppen, die aussehen wie sieben Riesen, die ihre runden Buckel nach oben recken. Getrennt sind diese buckelrunden Berge von eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben Tälern mit tiefblauen Bachläufen, bunten Wiesen, weißen Blütenbäumen und eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben Schlössern.
Immer weiter fahrt ihr in dieses Märchenland hinein. Dann kommt ihr zu einem kreisrunden Berg. Er ähnelt einem großen Ameisenhaufen. Während du dich noch wunderst, macht der Ballon genau über diesem Berg Halt.
„Das ist der Berg der vertriebenen Ängste!”, ruft die fremde Stimme dir zu. „Wirf deine Angst dort hinunter! Spucke sie aus! Mitten in diesen Angstberg hinein. Los! Traue dich!”
„Wie denn?”, fragst du. „Was soll ich tun?“
„Hole die Angst aus deinem Bauch und werfe sie weg!”, antwortet die Stimme. „Weit weg von dir. Vertraue mir! Traue dir!“
Die Angst wegwerfen? Eine gute Idee. Sie gefällt dir. Ohne weiter nachzudenken, spuckst du einmal, zweimal, dreimal kräftig auf den Angstberg.
Und – eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben – sind die Angstameisen wie weggezaubert. Du spürst es genau. Ganz ruhig fühlt sich dein Bauch nun an.
Während du dich noch freust, setzt sich der Ballon wieder in Bewegung und fährt mit dir den Weg zurück über das Märchenland, die Märchenschlösser und die buckelrunden Berge.
„Warum fahren wir zurück?”, fragst du.
„Weil du mich nicht mehr brauchst“, antwortet die Stimme. „Deine Geschichte ist für heute zu Ende. Aber vergiss nie: In Gedanken kannst du immer wieder zum ‚Berg der vertriebenen Ängste’ reisen. Und immer wieder kannst du deine Ängste dorthin schicken.“
„Auch die Angstameisen?“, willst du fragen, doch da spürst du, dass keine Angstameisen mehr in deinem Bauch toben.
Im gleichen Moment seid ihr auch schon beim Spielplatz angelangt.
Du steigst aus und verabschiedest dich von deinen unsichtbaren Reisegefährten. Dann gehst zu den anderen Kindern hinüber.

© Elke Bräunling